#96_Clockwork_Oranage

A CLOCKWORK ORANGE

Aus Langeweile

 

Buchverfilmungen enttäuschen oftmals Kenner der Vorlage. Die Gründe dafür liegen meist in einem Unverständnis für das Medium Film. Zeitbedingte Weglassungen werden als Oberflächlichkeit angekreidet, Anpassungen als Affront gegenüber der geliebten Vorlage verstanden. Stanley Kubrick geht mit seiner Anthony Burgess-Adaption A Clockwork Orange keinen Schritt auf solche Nörgler zu und konzentriert sich auf Stärken, die sich nur auf Leinwand entfalten können. Das Ergebnis ist ein Meisterwerk, dessen Ästhetik der Gewalt ihren Weg in die Sub- und Popkulturen unserer Zeit fand.

 

Die nahe Zukunft 1983. Der charismatische Alex (Malcom McDowell)  ist Anführer einer Jugendbande, die ihrer trostlosen, durchrationalisierten Umwelt archaische Gewalt entgegensetzt. In der Korova-Milchbar wird sich mit Moloko-Plus für die nächtlichen Exzesse aufgeputscht, denn sie haben wieder einmal Lust auf ein bisschen „Ultrabrutale“. Uniformen, die zwischen Dandy- und Skinheadstil pendeln sowie eine eigene Sprache sorgen für Zusammenhalt, der sie auf ihren anarchischen Nächten begleitet. Bis den „Droogs“ (den Gangmitgliedern) Alex´ Führungsstil zu autoritär wird und er durch Verrat als Mörder in einer Besserungsanstalt landet. Hier meldet er sich zur Umerziehung durch Konditionierung, die einen gesellschaftsfähigen Bürger aus ihm machen soll – der Beginn einer Passion.

 

Jede Einstellung in A Clockwork Orange wirkt wie ein perfekt kompositioniertes Kunstwerk und macht Kubricks Ruf als genial-pedantischen Filmemacher eindrucksvoll greifbar. Diese Bilder sind aufgeladen mit tiefer Symbolik und lassen unterschiedlichste Deutungen zu. Für mich stilisieren sie die Droogs zur letzten Bastion gegen eine Gesellschaft Nietzsches letzter Menschen, verachtungswerten Geschöpfen, die sich selbst und ihrem auszehrenden System genügen -  der rationalisierte Stillstand wird zur Religion, wer abweicht pervertiert. In diesem Kontext identifiziert sich der Zuschauer, dem Alex eindringlich seine Geschichte erzählt, immer mehr mit diesem „Perversen“ und gleichsam mit der ausgeübten Gewalt, die menschlicher scheint als die graue Alternative.

 

Folglich ist die Gewalt in Kubricks Film mit Kultur verbunden. Besonders deutlich wird das, wenn der Regisseur ein verlassenes Theater zur Bühne für den Kampf der Droogs gegen eine verfeindete Gang macht. Ein Ort, der seinen Sinn verloren hat, wird durch die amoralischen jungen Männer wiederbelebt und blüht in altem Glanz. Die Kampfszenen sind dabei derart überspitzt choreographiert, dass sich der Zuschauer in einer Aufführung wähnt. Ebenso verhält es sich mit der Begleitmusik, den bläulichen Spotlights, die die Droogs in Szene setzen und den oft weitwinkligen Einstellungen – alles ruft eine Theaterassoziation hervor. Die Gewalt scheint ihren Schrecken zu verlieren, das dumpfe Einschlagen auf Bewusstlose wird wiederum zum Kunstwerk.

 

Dass diese Ästhetik ihre Wirkung auf alle, die sich in Opposition zum Getriebe verstehen, entfaltete, ist naheliegend. Cock Sparrer, eine der wichtigsten Bands der Punk- und Skinhead-Bewegung, sangen mit „droogs don´t run“ eine Ode an den brüderlichen Kampf der sadistischen Gang. Die Adicts, 1978 gegründet, treten noch heute in Outfits auf, die stark an die Jugendbanden aus A Clockwork Orange angelehnt sind und die Toten Hosen, deren subkulturelle Ursprünge heute oft vergessen werden, feierten mit „Hier kommt Alex“ einen ihrer größten Hits. Diese Liste ließe sich beliebig weiterführen – A Clockwork Orange bildet einen subkulturellen Identifikationspol ohnegleichen.

 

Doch nicht nur in solchen Szenen, die in der Öffentlichkeit nur marginal wahrgenommen werden, entfaltet Kubricks Kunstwerk seine Strahlkraft. Wenn Kultfigur Bart Simpson in einer Halloween-Folge als Alex verkleidet auftritt und Rockstars wie Rob Zombie Musikvideo-Hommagen drehen, wird klar, dass Outfit und Habitus längst zum Synonym für Rebellentum überhaupt geworden sind.

 

Euer Professor Horribilus

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