#128_touch of sin

A TOUCH OF SIN

Was ist ein Menschenleben wert?

 

Ein unbekanntes Land, eine fremdartige Kultur – eine Sprache, deren Laute exotisch und sonderbar klingen. Menschen, deren Mimik und Gestik von unserem alltäglichen Bild abweichen. Vieles scheint anders – von der Nahrungsaufnahme bis hin zu sozialen Strukturen. Es gibt Filme, die führen uns an solch spezielle Orte. Diesen einen Fleck auf der Landkarte, welche viele von uns in diesem Leben wahrscheinlich nicht mehr bereisen werden. Einzig allein der englische Untertitel und die Körpersprache lässt uns erahnen, was die Protagonisten gerade von sich geben. Sobald man sich darauf einlässt, öffnen sich völlig neue Welten. Immer öfters werden die Buchstaben am unteren Bildschirmrand ausgeblendet und man taucht ab. Es ist wie eine Alltagsflucht in ein fernes Land. Mit jeder Szene wird der Kraft des Schauspiels mehr Bedeutung zugemessen – Stimmgewalt, Ausdruck und Authentizität stehen in der Rangliste plötzlich weit vor dem Untertitel – dieser ist bereits nur noch Beiwerk. Er gleich eher einem Logikmagnet, der die Sätze im Unterbewusstsein zu einem wundervollen Ganzen zusammenfügt.

 

Das Licht gedimmt, umhüllt einen die warme Soundkulisse der weichen Köpfhörer und alles um sich herum scheint vergessen. Willkommen im Tunnel – willkommen im Film! Ich habe Jahre gebraucht um diesen Zustand bei Originaltonfilmen in nicht englisch gesprochener Sprache zu erreichen und wünsche mir für jeden Filminteressierten Menschen dieses Gefühl selbst zu erleben und immer wieder abrufen zu können. Auf der höchsten Ebene gleicht es einem extremen Zufriedenheitsgefühl, welches sich im gesamten Körper ausstrahlt. Für manche Menschen gilt eben: Film ist Liebe! Egal wie gut die Synchronisation auch sein mag – sie raubt den Schauspielern die Seele. Gerade im südkoreanischem Raum z. B. ist es ein Genuss die Darsteller in ihrer Muttersprache roh und unverfälscht zu erleben. Es ist ein bisher ungeahntes Level Filmkunst zu erleben – und wer es einmal gefühlt hat, kann nicht wieder zurück.

 

Meinen heutigen Geheimtipp sollte man sich deshalb vielleicht erst zu Gemüte führen, wenn man sich eben für diesen Pfad des Filmeschauens entschieden hat. Er trägt den Namen A Touch of Sin (Tian zhu ding), ist aus dem Jahre 2013 und spielt im heutigen, modernen China. Für mich war es eine Möglichkeit in ein Land einzutauchen, dass ich so nie erleben werde.

 

Irgendwo zwischen traurig schönem Gesellschaftspanorama und sozialkritischer Depression schafft es der Regisseur mich an der Hand zu packen und mich mit tollen Aufnahmen, großen Kamerafahrten, gedeckten Farben und vier unterschiedlich Schicksalen in sein realitätsnahes
China zu entführen, um mich danach mit einem Kloß im Hals in einer Leere des Nachdenkens aber auch friedlicher Ruhe zurückzulassen.

 

Jia Zhangke ist interessiert an Veränderung und dem Konflikt zwischen Tradition und Moderne. Er hält dem gegenwärtigen China seinen Spiegel vors Gesicht und porträtiert den schleichenden Übergang zwischen Kommunismus und Kapitalismus in all seinen Facetten. Brutalität und Zärtlichkeit. Armut und Korruption. Aber auch schwarzer Humor und ein kleines Funkenmeer von Surrealität verbergen sich hinter seinen Geschichten. Für all diejenigen, die den gewohnten Pfad verlassen, und aus ihrem Filmrhythmus ausbrechen wollen – bietet dieser Film die fantastische Möglichkeit ein Land aus einer so noch nie gesehenen Perspektive zu betrachten und somit vielleicht dessen Filmkunst oder ein neues Genre für sich zu entdecken. Wer wagt, gewinnt – traut Euch!

 

Flo

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