chopper

CHOPPER

R.I.P. Chop Chop

 

Unruhig rutscht der große Mann auf dem Sessel umher. Das lederne Möbel jauchzt und quietscht unter dem mächtigen, zutätowierten Körper – die einzigen Geräusche, die den Raum durchdringen. Die beiden ihm gegenübersitzenden Dealer ahnen, wie unvorhersehbar die nächsten Minuten werden, schließlich haben sie es mit Mark Brandon „Chopper“ Read zu tun. Endlich hebt er die Hand, zeigt auf die Tür und bellt den Boss der Crackhöhle an: „I give you twenty seconds to produce some cash or else I´ll fucking shoot you!“ Aber der verliert sich in Ausflüchten, bekommt nach rasant gezählten zwanzig Sekunden eine Kugel in den Bauch und wird anschließend vom reumütigen Schützen ins Krankenhaus gefahren.

 

Ach, dieser Chopper…

 

Die angeführte Szene ist typisch für einen Film, der sich einem extrem ambivalenten Charakter widmet. Denn mit Chopper (2000) greift der Regisseur Andrew Dominik das Leben von Australiens berühmtestem Schwerverbrecher auf – einem vielfachen Mörder, Soziopathen und Bestseller-Autor. Reads Biografie, die zum Großteil aus Gefängnisaufenthalten und Kapitaldelikten besteht, würde genug Stoff für eine Trilogie hergeben und doch schafft es Dominik in 94 Minuten, eine packende Verdichtung der Geschehnisse um den legendären Chopper zu liefern. Der von Eric Bana grandios gespielte Read versetzt den Zuschauer in einen filmisch ungekannten Zustand der Alarmbereitschaft. Hilflos versucht man, das Geschehen einzuschätzen und scheitert doch immer aufs Neue. Mal wird eine krasse Respektlosigkeit nachsichtig von Chopper aufgenommen, mal ist die Antwort auf eine Nettigkeit ein völlig unverhältnismäßiger Gewaltsausbruch. Die vertrauten Regeln sozialer Interaktion gelten nicht mehr, und so sorgt alleine die Anwesenheit des Helden für Adrenalin. Wer die Handlungen Marks als rein schizophren abtut, greift damit zu kurz und entlarvt seinen konformistischen dysfunktionalen Radar, der Typen wie Read nicht zu erfassen vermag und sie daher in pathologische Schemata zu pressen sucht. Denn vielmehr ist die Ambivalenz ein großer Teil dieser komplexen Persönlichkeit, ohne von ihr abgespalten zu sein – genau das befremdet und fasziniert in solch einer extremen Form.

 

Wer Chopper gesehen hat, wird sich auch tiefergehend für den echten Mark Read interessieren. Mit zahlreichen biografischen Büchern und Kriminalromanen gibt es genug Stoff, um sich in die Psyche eines Mannes einzuwühlen, der wirklich anders ist. Einen guten Einstieg bilden die Interviews, die man auf Youtube findet und gerade das finale, in dem der Todkranke vier ungelöste Morde gesteht, ohne einen Hauch Reue zu zeigen, sorgt für Gänsehaut – nebenbei eine Gelegenheit, sich dem genialen Spiel Banas bewusst zu werden.

 

Am 9. Oktober 2013 starb Chopper an Leberkrebs, nachdem er sich einer Transplantation mit der Begründung verweigerte, er wolle das rettende Organ keinem anderen wegnehmen. Neben Posträuber Biggs also der zweite legendäre Outlaw, der im letzten Jahr das Zeitliche gesegnet hat. Der richtige Zeitpunkt also, um mit Dominiks Chopper einer Ausnahmepersönlichkeit zu gedenken.

 

Euer Professor Horribilus

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