#91_Cigarette_Burns

CIGARETTE BURNS

Perseus´ Auftrag

 

Kunst hat die Macht, an der Seele zu rühren. Welche Gefahr hierin gesehen wird, zeigt eine lange Zensurgeschichte, in die auch das vorliegende Werk einging. In Cigarette Burns wird die künstlerische Bedrohung jedoch zu einer ganz realen für Leib und Leben. Durch das radikale Bekenntnis eines fanatischen Regisseurs zu jener Macht, verlässt die Gefahr eine rein geistige Ebene und entfesselt wahren Terror: „Film is magic. And in the right hands, it can be a weapon.“

 

Kirby Sweetman (Norman Reedus)  blickt ins Nichts. Mit seinem Kino steht er vor dem Ruin, die Lebensliebe hat er an eine Überdosis Heroin verloren und deren Vater, der Financier des Cineasten, gibt ihm die Schuld am tragischen Verlust. Da kommt ein Angebot des exzentrischen Filmesammlers Mr. Bellinger (Udo Kier) wie gerufen. Der bietet ihm verheißende 200.000 Dollar für das Auffinden eines sagenumwobenen Films: La Fin Absolue Du Monde.

 

Bei seiner Premiere brach Wahnsinn aus und es kam zu einem Gewaltexzess, der die Ränge in metallisches Rot tauchte. Nach der Katastrophe sollen alle Rollen vernichtet worden sein, doch halten sich Gerüchte, eine letzte Kopie existiere noch immer und warte nur darauf, gefunden zu werden. So begibt sich Kirby auf eine Reise an das sprichwörtliche Ende der Welt und trifft dabei auf Gestalten, deren Existenz schicksalhaft mit dem Film verknüpft zu sein scheint. Umso weiter er in den verschworenen, den Mythos umgebenden Kosmos eintaucht, umso deutlicher wird auch der sirenenhafte Ruf des Kunstwerks. Kirby beginnt, seltsame Brandkreise wahrzunehmen, wie sie auf Filmrollen zu finden sind. Schließlich verschwimmen Realität und Albtraum und vermengen sich mit einer unwiderstehlichen Neugier, die gleichsam den Zuschauer ergreift. Was kann so schrecklich sein, dass es beim Hinsehen wahnsinnig macht?

 

Das Horrorgenre lässt mit zunehmendem Alter die Limitierung der menschlichen Vorstellungskraft offenbar werden. Die Auflösungen solcher Filme sind daher oftmals ernüchternd und werden der zuvor mühsam aufgebauten Spannung nicht gerecht, denn die bekannte Palette aus Monstern und Dämonen lässt unbefriedigt zurück. Wer sollte sich dieser Problematik bewusster sein als Regisseur John Carpenter, der dem Genre visionäre Impulse gab? Und so schafft er, was selten ist: Cigarette Burns enttäuscht auch in seinen finalen Minuten nicht, da der Film seine außergewöhnliche Grundidee nicht mit überdeutlichen Enthüllungen und Effekten erdrückt und somit Raum für morbide Deutungen lässt.

 

Während der eigentliche Star in Cigarette Burns „La Fin Absolue Du Monde“ ist, steigert der erlesene Cast den Genuss. Udo Kier spielt eine seiner typischen Rollen, in der sein unheimlicher Charme blüht und Norman Reedus (der blutige Pfad Gottes u.a.) glänzt als von Seelenqualen geplagter Getriebener. Gerade mit den Limitierungen der Masters of Horror-Serie, in der Cigarette Burns erschien – kein Beitrag darf länger als eine Stunde sein – ist diese Leistung noch einmal beachtlicher. In kürzester Zeit schaffen es die Darsteller und das Team um den Kultregisseur, eine unglaubliche Dichte zu erzeugen, denn weder Dramaturgie noch Figurenzeichnung leiden unter der strengen Zeitvorgabe. Und trotzdem: Insgeheim wünsche ich mir, Carpenter greife die Idee um den extremsten Film der Welt in einem Langfilm-Remake auf – sie hätte es verdient.

 

Euer Professor Horribilus

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