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DER HOBBIT – SMAUGS EINÖDE

Wildwasser Rafting in die Bedeutungslosigkeit

 

Warnung: Definitive Spoilerkritik

Kinozeit! Mit neutralen Erwartungen ging es ab ins Fantasy-Neuseeland 2.0 – auch bekannt als „Mittelerde“, Schauplatz von The Hobbit: The Desolation of Smaug. Gleich vorweg: der beste Moment des Films war eindeutig der Titelsong von Ed Sheeran, der am Ende eingespielt wird. Und zwar ganz am Schluss, wenn die Credits laufen!

 

Hatte das Buch damals gelesen, ein Fantasyroman für Kinder ab 10 Jahren. Im Taschenbuchformat knapp 300 Seiten kurz. Eine Art Apéritif zum großen Bruder, wenn man so will. Ein kleines, aber feines Werk im überschaubaren Rahmen – perfekt zum Eintauchen und genau richtig, um Lust auf mehr zu machen. Der Grund für die negative Kritik in den folgenden Zeilen trägt uns lange zurück, nämlich zu dem Tag, an dem sich Peter Jackson entschied dieses Projekt überhaupt in Angriff zu nehmen bzw. zu realisieren, um es dann auch noch auf 8 zähe Filmstunden auszudehnen.

 

Doch zunächst einmal das, was gut war. Landschaftsaufnahmen, Kamerafahrten und das Spiel mit Licht und Schatten sind wie immer auf einem sehr hohen Niveau. Die Spinnen-Szenerie im Düsterwald ist schön stimmig und Bilbo haut ordentlich auf die Pauke. Kostüme, Waffen und Bärte bekommen von mir ebenfalls den grünen Haken. Auch Legolas und seine manchmal leicht übertriebene Spiderman-Parkour-Robin-Hood-trifft-auf-Prügelspiel-Imitation hat in meinem Inneren für ein, zwei Freudentänzchen gesorgt. Gegen Ende kommt natürlich Dagobert Smaugs Geldspeicher atmosphärisch richtig geil zur Geltung. Vor allem das Spiel mit Ehrfurcht, Raum und Größe wurde hier nahezu perfekt in Szene gesetzt. Zu den Highlights zählt ebenfalls die Art und Weise, wie Bilbo versucht Smaug in ein Gespräch zu verwickeln. Auch der Drache selbst sieht fantastisch aus. Ein fabelhaft anzuschauender Pixel-Polygonbrei mit grandiosen Animationen und toll vertonter Stimme. Hier vergebe ich ein extra Fleißsternchen an das Sounddesign-Team.

 

Dafür gibt es an gleicher Stelle fünfhundert Minuspunkte an die Budgetplanung bzw. an das Team oder diejenige Person, welche für das Set-Design und die Green-Screen Umsetzung verantwortlich war. Es sieht teilweise fürchterlich aus! Grottig um genau zu sein. Die Fahrt auf dem kleinen Schiff in Richtung Seestadt: Der Kunstschnee klebt auf dem Rand des Bootes, die Eisschollen, der Hintergrund, alles wirkt extrem unglaubwürdig und ultra-mies animiert. Man sieht das grün tapezierte Filmstudio deutlich vor sich: Die Windmaschine, die Steuerungsmechanik für das Boot – was zur Hölle hast du getan Peter Jackson? Es ist zum Heulen. Aber es geht noch weiter. Die Wildwasser-Szene zum Beispiel: Was sollen diese grobkörnigen GoPro Egoperspektive-Aufnahmen in VHS Qualität? Wie billig sieht es aus, wenn die Zwerge in den Fässern die kleinen Wasserfälle herabfallen? Der Cut von echtem Schauspieler zu digital animierte Masse fällt im gesamten Film EXTREM negativ auf. Das Flussufer inklusive darauf laufender Orks gleicht einer grünen Pixelmatsche aus N64 Zeiten. Die Intro-Kamerafahrt für das kleine Seedorf gleicht einer Rendersequenz aus dem PC Strategiespiel „Age of Empires II“ welches 1999 erschien! Achtet auf die total lieblos animierten Vögel, die sich auf den Häuserdächern niederlassen! Abartig. Liebes CGI-HFR3D-Hollywood: Bitte fangt wieder an richtige Sets zu bauen und mit handgemachten Tricktechniken zu arbeiten. Mehr Mut, mehr Qualität. Oder steckt das Budget für die zuständigen Agenturen vorher schon fest ab, um am Ende nicht solche Szenen abzuliefern, welche krasse Löcher in das sonst so schöne Landschaftsbild reißen und damit dem ganzen Film seine Magie rauben.

 

Der Hobbit – Smaugs Einöde zerrt viele Momente zu sehr in die Länge und hält sich zu oft an langweiligen Schauplätzen mit nichtigen Dialogen auf, anstatt in Fahrt zu kommen. Die Einführung der weiblichen Waldelfe war okay, warum aber diese komische Andeutung einer eventuell noch bevorstehenden Dreiecks-Beziehung? Auch der Bürgermeister und sein Gefolge in der Seestadt waren völlig überflüssig. Das fantastische und geheimnissvolle kommt viel zu kurz. Biete dem Zuschauer doch mehr als nur fünf mickrige Minuten in der Hütte von Beorn dem Hautwandler. Auch aus der Düsterwald-Seqzenz hätte man viel mehr rausholen können. Nutze deine Horror-Vergangenheit Mr. Jackson! Im Wald wird es nie richtig dunkel, es entsteht keine beklemmende Stimmung. Die Gewichtung passt einfach nicht. Mehr vom Bären, mehr vom Wald, weniger von Politik und Liebesgeschwätz. Vielleicht hätte Guillermo del Toro (u.a. verantwortlich für Pans Labyrinth) doch die Hauptregie übernehmen sollen. So sind es zu viele unwichtige Nebengeschichten. Zu viele Hochzeiten auf denen Peter Jackson gerne tanzen möchte.

 

Das eigentliche Hauptproblem des Films (und somit auch das Problem der ganzen Trilogie), bleibt die fatale Entscheidung, dass (wie oben angedeutet) eine zu dünne und kindliche Vorlage auf drei Filme aufgeblasen werden muss. Es ist völlig egal wie viel Story-Elemente man aus den Herr der Ringe Teilen einfügt, oder wie versucht wird dem ganzen ein tiefere, bedrohlichere Bedeutung durch den “Sauron wird böse”-Subplot zu geben. Wir alle wissen das Frodo am Ende zum Vulkan latschen wird und den verdammten Ring in die Lava werfen muss. Was also sollen diese Szenen mit Gandalf und dem „Als die Tiere den Wald verließen“-Zauberer? Am Ende des Tages bleibt es an vielen Stellen zermatschter, zusammengetretener Quark und die Geschichte von einem Kaff am See, welches dreizehn Zwergen dabei zuschaut, wie sie ihren Berg wieder zurückhaben wollen.

 

Könnt ihr euch noch an die epische Bandbreite der Herr der Ringe Trilogie erinnern? Der Hobbit versucht episch zu sein, leider wirkt es aufgezwungen. Natürlich fühlt es sich schön an nach Hause zu kommen. Und es ist zweifellos jedes Mal aufs Neue wieder ein Ohrenschmaus die Ring- und Auenland Melodie zu hören. Aber das wars dann halt auch schon. Es ist eben einfach nichts mehr neues. Das frische und unbekannte Überaschungselement liegt längst in den Sümpfen vor Mordor begraben. In Der Hobbit – Smaugs Einöde bekommt der Zuschauer kleine Ponys statt reinrassigen Pferden. Weiße Orks mit zu großen Köpfen auf hyperaktiven Wölfen statt unheimlich wirkenden und bedrohlich schwebenden Nazgul, die in zerschlissenen, tiefschwarzen Gewändern nicht davor zurückschrecken dir das Herz herauszuschneiden. Die Figuren von Peter Jackson haben zwar eine Bestimmung, aber keinen ausgeprägten Charakter, Eigenarten, aber keine besonderen Eigenschaften. Sie sind das Mobiliar für eine Bühnenschau digitaler CGI-Effekte der heutigen Zeit. Die einzigen zwei Schauspieler am Set, die durch Mimik und die Kunst des Darstellens Emotionen transportieren, sind Martin Freeman (Bilbo) und Ken Stott, der dem alten Zwerg Balin etwas Leben einhaucht. Die Orks? Nicht mehr als ein schlechter Witz. Statisten, die von fliegenden Holztellern, geschleudert aus Kinderhänden gefechtsunfähig gemacht werden. Sind wir hier in Mittelerde oder bei den Goonies? Lächerlich. Und wie soll ich vor einem Drachen Angst haben, der in seinem 20-minütigen Monolog witziger und sympathischer daherkommt als die ganze Zwergenbande zusammen?

 

Es fehlen die emotionalen Momente, die einem Gänsehaut verleihen. Ich spreche von ernsthaften Konsequenzen und Auswirkungen für die Protagonisten. Verlustängste und eine wirkliche Bedrohung durch eine übermächtige Gefahr sucht man vergebens. Dies liegt natürlich auch an der Kinderbuchvorlage des Autors, aber hauptsächlich daran, dass Jackson es allen Recht machen will und anscheinend selbst nicht mehr weiß, was genau er da eigentlich erschaffen wollte. Wenn du schon aufgrund fehlender Detailangaben des Buches frei interpretieren kannst, dann entscheide dich, was du abliefern willst. Mainstream Puppentheater oder Fanservice. Auf der einen Seite hält er dir ein düsteres Fantasy-Setting für erwachsene Herr der Ringe Fans vor die Nase, um es Sekunden später in ein Action-Spielzeug für Jugendliche zu verwandeln, welches nach kurzer Benutzung aus der Torte eines Kindergeburtstages schlüpfen muss, an dem passenderweise auch noch die Familie teilhaben sollte. Klar, je niedriger die Altersfreigabe, desto höher die Besucherzahlen, desto reicher klingeln die Kassen. Trotzdem, du kannst es um Längen besser Peter.

 

Zieht all die Kritikpunkte ab und ihr bekommt einen unterhaltsamen Kinoabend. Mich haben die aufgezählten Fakten leider so sehr gestört, dass ich mit einem unzufriedenen Gesamteindruck das Kino wieder verlassen musste. Zu viel Familien-Popcorn-Computereffekt-Kino. Zu wenig epischer Fantasy-Streifen mit gut geschriebenen Charakteren. Als damals der erste Teil von Der Herr der Ringe in die Kinos kam war ich sechzehn Jahre alt. Anscheinend haben sich meine Ansprüche seitdem etwas geändert…

 

Flo

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