DJANGO

DJANGO UNCHAINED

Tupac und Rick Ross beim Zahnarztbesuch in Mississippi

 

Es ist angerichtet. Ein kurzer, flüchtiger Blick auf die Kinokarte. Ein kurzes Gähnen gegen die Anspannung. Dazu die wundervolle Erkenntnis, dass wir heute Heimspiel haben. Willkommen in Lubu. Willkommen im „Luna-Lichtspieltheater“. Der Appetit ist riesig und ich freue mich auf ein 165 Minuten-Menü der Extraklasse. Der Chefkoch – kein geringerer als unser alter Freund: Mr. Quentin Tarantino. Und falls es jemand noch nicht mitbekommen hat: Es gibt Spaghetti.

 

Die ersten Minuten sind immer wieder spannend. Man weiß eigentlich, was einen erwartet, muss sich dennoch nach gefühlten drei Jahren ohne Tarantino-Kino erst wieder an seinen Stil gewöhnen. Die überdimensional große Typo, die Zoom-Effekte, die ungewohnten Kameraschwenks und die langen Szenen ohne Schnitte lassen einem nach kurzer Eingewöhnungszeit dann aber doch wieder sanfte Schmunzler über‘s Gesicht huschen. Wo wir beim Thema wären: Schmunzeln, besser gesagt: Lachen! Ich habe mich schon lange nicht mehr so unterhalten gefühlt wie bei diesem Streifen. Er macht einfach Spaß. Es gibt in der Branche einfach keinen, der solche Filme macht, auf diesem Level, über diese Sachen. Schießpulver, Schweiß und Sklaverei? Er zaubert dir daraus ein Gourmet-Menü, welches deine Zunge lauter schnalzen lässt, als die Peitschenhiebe und Bleikugeln, die auf brutalste Weise durch das Fleisch der sadistischen Sklavenhändler hindurchfetzen. Die Dialoge und Pointen sind einfach großartig. Smart, on Point und mit solch einem Wortwitz und Schwachsinn gepaart, dass man seine Kinonachbarn mehrmals lachend anschaut und sich vor lauter Endorphinausstößen am liebsten Umarmen möchte. „Flo, dieser Tarantino isch einfach ein verrückter Kerl.“ Und ein Künstler. Die Höhepunkte des Films sind für mich die Szenen, in denen er die Geschichte mit kurzen Rückblicken zusammenfasst. Er dreht die Sättigung hoch, kippt einen Farbeimer psychedelischer Substanzen darüber, würzt das Ganze mit Zeitlupen-Effekten, kontrastreichen Schwarzwerten, schnellen Cuts und streut zur Vollendung den besten Soundtrack dieses Planeten darüber. Wisst ihr, wie verdammt geil es sich anfühlt, wenn man nichts ahnend in seinem Sessel sitzt und plötzlich die tiefen und souligen Rap-Stimmen von Rick Ross, John Legend und Tupac durch die fetten basslastigen Boxen des Kinosaals dröhnen? Zwei Worte: Epische Gänsehaut!

 

Ein weiterer Pluspunkt sind die hervorragend gecasteten Schauspieler. Waltz, Leo, Samuel und Mr. Foxx würden jedes noch so schlechte Drehbuch retten. Aber stellt euch mal vor, was passiert, wenn Sie auf jemanden Treffen, der ein solcher Perfektionist ist, dass er für jeden Nebendarsteller eine 10 Seiten Vita parat hätte?! Richtig erkannt, es entstehen Klassiker über die man noch lange philosophieren, aber auch diskutieren wird.

 

Warum? Weil der Film zwar genial abgedreht wurde, hier und da aber doch ein paar Schwächen hat. Die Überlänge z.B. macht sich gegen Ende deutlich bemerkbar. Gerade die 30 Minuten vor dem großen Showdown, sind im Gegensatz zum Rest des Filmes, sehr zäh. Das Auge bekommt nichts mehr wirklich „frisches“ vor die Linse. Bis zu diesem Punkt könnte man es mit einer Reise vergleichen: Farben, Landschaften, Städte und allerlei verschiedene Figuren gehen ein und aus. Stichwort: Abwechslung! Aber plötzlich begann ich auf meinem Stuhl hin- und her zu rutschen. Vielleicht lag es an meiner leeren Südkola und dem Grund warum meine Kehle ab diesem Punkt minütlich Wasser verlangte, oder der Fakt dass mir meine riesige Winterjacke auf meinem Schoß zur Last wurde. Mir ist bewusst, dass Tarantino viel zu erzählen hat. Hat er immer. Und die Dialoge versuchen dies auch zu kaschieren, aber 20 Minuten weniger wären hier besser gewesen. Vor allem hätte er das Ende des Filmes noch in Ruhe erzählen können. Für meinen Geschmack und im Vergleich zum restlichen Pacing des Filmes, kam das Finale zu schnell und wurde sehr strikt abgehandelt. Held wird gefangen genommen, Held kommt frei, Held macht alle Platt. Die hier definitiv aufkommenden „Wieso, Weshalb, Warum?“ Fragen, wurden leider mit: „Ich wollte keine zwei Filme daraus machen und muss jetzt schnell zum Ende kommen – das passt schon so“, stehengelassen.

 

Ein zweischneidiges Schwert ist auch die Screentime von „Django“, und dass dieser erst gegen Ende richtig zeigen kann, was er drauf hat. Die ersten 2/3 des Filmes könnten auch „Christoph aus Wien Unchained“ heißen – So stark stellt ihn der Regisseur in den Vordergrund. Es ist nicht zu übersehen dass er den Film um den Charakter des Christoph Waltz aufbauen wollte und dieser angeblich auch am Drehbuch beteiligt war. Die Tatsache, dass er den anderen Charakteren im Film kulturell und vor allem intellektuell weit überlegen ist, ist die logische Konsequenz daraus. Aber versteht mich nicht falsch, unser Freund aus Österreich spielt- und vor allem synchronisiert sich selbst absolut genial! Die Art und Weise, wie er die englischen Gags und Wortwitze (die er ja teilweise selbst geschrieben hat) ins Deutsche übersetzt, ist einmalig.

 

Aufforderung: Schnappt euch ein Paar gute Freunde und geht ins Kino verdammt! Denn dieser Streifen ist es Wert auf der großen Leinwand gesehen zu werden. Django Unchained ist ein Bomben-Film, der polarisiert, fasziniert und aus der Masse heraussticht. Oder um es mit den Worten von Jamie Foxx zu sagen: „Ich bin der eine Nigger aus 10.000!“

 

Flo

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