ex drummer

EX DRUMMER

Abstieg aus dem Olymp

 

“Moloch! Moloch! Nightmare of Moloch! Moloch the loveless! Mental Moloch! Moloch the heavy judger of men!“ brüllt der Lyriker Allen Ginsberg dem Leser entgegen. In Ex Drummer findet das bekannte Gedicht sein filmisches Pendant, denn der junge Regisseur Koen Mortier zieht den Zuschauer mit gleicher Intensität auf einen 101-minütigen Trip in den belgischen Moloch hinab, der von Schauwerten und Absurdität nur so strotzt.

 

Wer zu lange im Elfenbeinturm verharrt,  verliert den Anschluss an die Lebensrealität der Masse. Dem Künstler versiegt so die wichtigste Quelle der Inspiration. Der Starautor Dries (Dries Vanhegen) erkennt das, als drei Totalversager vor der Tür seines stilvollen Luxusappartements stehen und ihn als Drummer für ihre Band gewinnen wollen.

 

Der Sänger Koen (Norman Baert), ein psychotischer Frauenschläger, der Gitarrist Ivan (Sam Louwyck), ein tauber Junkie und Bassist Jan, ein halbseitig gelähmter Homosexueller, dessen fette, glatzköpfige Mutter es mit Koen treibt, sind der größte Abschaum, den das belgische Wirtschaftsdilemma produzieren konnte. Dries willigt ein und die drei Männer führen ihn hinab in eine Welt der Versager, des Hasses und der Fäulnis. Doch der erfolgreiche Dries ist diesem Kosmos weit weniger fremd, als anfangs zu erwarten war…

 

Koen Mortier hat ein abgefucktes, unterhaltsames und ungemein stilvolles Debut gegeben und so kommt es, dass Ex-Drummer zu meinen absoluten Lieblingsfilmen zählt. In jeder Sequenz ist zu erkennen, mit wie viel Liebe und Feingefühl die einzelnen Szenerien ausgewählt und gestaltet wurden. Völlig absurde, surreale Szenen wechseln sich mit extrem realistischen ab, die einem die Lebenswelt der absoluten Unterschicht glaubhaft vor Augen führen. Es wird deutlich, dass diese nicht nur von materiellem Mangel, sondern auch von einer ungeheuren moralisch ethischen Dekadenz geprägt ist. So ist es auch nicht möglich, das boshaft wirkende Verhalten der Protagonisten vorschnell zu verurteilen, da hier die Amoralität zur Normalität geworden ist – die Pole Gut und Böse verschieben sich.

 

Das eigentlich Grandiose an diesem Film ist aber das Verhältnis des Zuschauers zu Dries. Da sich beide in derselben voyeuristischen Position befinden, die eine Rückkehr in den Elfenbeinturm jederzeit erlaubt, fungiert der Autor als ungeliebte Identifikationsfigur und zwingt den Zuschauer über den eigenen Voyeurismus zu reflektieren. So entsteht ein ambivalentes Verhältnis zum Protagonisten, das gleichsam von Identifikation wie Abscheu gekennzeichnet ist – Abscheu vor Dries´ Verhalten und der eigenen Lust am gezeigten Elend: etwas, das in dieser Form selten zu finden ist und schnell fasziniert.

 

Ex-Drummer erschien  in der DVD-Reihe Kino Kontrovers, in der unter anderem Filme wie die 120 Tage von Sodom (1975) oder Menschenfeind (1998) vertreten sind. Mortiers Debüt reiht sich hier gut ein, ist jedoch im direkten Vergleich auch einem nicht arthouseaffinen Publikum leicht zugänglich -denn Ex-Drummer ist einfach extrem unterhaltsam und macht auch nach etlichen Malen Spaß, da es so viele skurrile Details zu entdecken gibt.

 

Euer Professor Horribilus

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