FLIGHT

FLIGHT

Captain Koks

 

Mein ehemaliger Lieblingsschauspieler Denzel Washington muss ein Faible für Uniformen und Fortbewegungsmittel haben. Oder zumindest für Drehbücher, welche sich mit der entsprechenden Thematik beschäftigen. 2006 z.B. begeisterte er sich für Zeitmaschinen und explodierende Schiffe. Drei Jahre später versucht er, mit Hilfe von Hornbrille und Telefonhörer, John Travolta davon abzubringen, seinen legendären „Jack Rabbit Twist Dance“ in einer New Yorker U-Bahn aufzuführen. Im Jahr 2010, springt und joggt er zusammen mit Captain Kirk in gelben Signalwesten über Güterzüge und wundert sich, warum Sandra Bullock und Keanu Reeves schon längst Feierabend haben. Und 2013? Nun ja, da versucht er trotz Wodkafahne, ein Passagierflugzeug – und sich selbst – vor dem Absturz zu bewahren. Natürlich in angemessener Uniform, inklusive Sonnenbrille und adretter Kapitänsmütze, versteht sich.

 

Für das diesjährige Screenplay war John Gatins verantwortlich, der normalerweise für Sport- und “Feel-Good-Stories” bekannt ist (Real Steal, Coach Carter, Hardball). Der Chef am Set hört auf den Namen Robert Zemeckis und hat schon bei Schwergewichten wie Forrest Gump, Cast Away und Zurück in die Zukunft die Regiefeder geschwungen. Trotz recht hoher Erwartungen, saß ich mit neutralem Vorfreude-Feeling im Kinosessel. Ladies & Gentlemen: Wir sind Ready for Take Off.

 

Der Film beginnt genial. Tolle Bilder, schöne Kameraeinstellungen und eine passende Auswahl der Musikstücke, die den „Hero-Shots“ und Zeitlupen-Szenen eine extra Portion Glaubhaftigkeit verleihen. Solche Zutaten sind es, welche wahre Ästheten, wie mich, glücklich machen.  Der Flugzeugabsturz, (soviel darf verraten werden) wird äußerst glaubhaft und realitätsnah dargestellt. Der Zuschauer wird direkt ins Flugzeug gepresst und Zemeckis lässt ihn das Geschehen auf der Kinoleinwand am eigenen Leib spüren. Man fühlt den Druck auf den Ohren, die Höhe, die Geschwindigkeit, die Panik. 20 Minuten später macht sich Erleichterung breit und die Reihe hinter mir atmet förmlich auf.

 

Auf überraschend natürliche Weise, lässt der Regisseur in Flight die Grenzen zwischen Action-Drama, Justizkrimi und dem detailliert gezeichneten Portrait eines Alkoholikers ineinanderfließen. Leider schaltet der Film nach einem guten Auftakt in einen ruhigen Erzählermodus, der sich nicht um die „eigentlichen“ Ereignisse, sondern auf die inneren Drogen-Dämonen des Protagonisten konzentriert. Und da sind wir schon beim Problem, bzw. dem Grund, warum man sich eigentlich keine Hollywood-Trailer mehr anschauen sollte – die Vorschau wurde gänzlich aus 90% der vorkommenden – ich nenn es mal „Action-Szenen“ – zusammengeschnitten und vermittelt ein völlig falsches Bild. Zusammenfassend: Erwartet einen ruhigen, teilweise fast schon langatmigen Film, aber auch einen hoffnungsfrohen, sich oft (zum Glück) nicht allzu ernst nehmenden, mit guten Schauspielern bestückten, allen plakativen Klischees geschickt ausweichenden, leicht melancholisch angehauchten Film. Denzel Washington ist nicht umsonst für den Oscar nominiert. Man schwankt ständig zwischen Sympathie, Abneigung und Mitleid für den arroganten Trinker-Charakter, dessen Rolle er extrem glaubhaft darstellt. Trotz der guten Leistungen bleibt ein fader Beigeschmack. Das große Finale ist nicht groß. Oder, um es mit einem Hauch literarischer Eleganz auszudrücken: Das vermeintlich große Finale, gestaltet sich letztendlich eher zurückhaltend. Am Ende fehlt etwas. Vielleicht liegt es am sehr schleppenden Erzähltempo. Vielleicht auch daran, dass die Schicksale der Nebenrollen uninteressant und vor allem nicht relevant genug sind, was die Story betrifft.

 

Die kleinen Lichtblicke des Filmes, sind jedoch ohne Zweifel die Auftritte von John Goodman, der mit seiner Rolle einen überraschend liebevollen Charme und Witz, in die sonst so triste Geschichte mit einbringt. Lacher sind garantiert!

 

Mein Fazit? Eine traurige Mixtur aus Ernüchterung und Enttäuschung. Doch zum Glück gibt es ja diesen Satz mit der subjektiven Wahrnehmung. Deshalb traut Euch und gebt dem Film eine Chance. Qualitativ würde ich nämlich trotzdem das Siegel „hochwertig“ vergeben. Meine Geschmacksnerven hatten eben Tomatensaft erwartet. Doch geliefert wurde lauwarmes, stilles Wasser, ohne Zitrone.

 

Flo

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