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HER

Zukunftsbeziehung

 

Online Dating gehört zu unserem Alltag wie der Kaffee am morgen oder das Bier zum Feierabend. Was aber, wenn eine Maschine nicht mehr nur mit findigen Algorithmen die Menschen zusammenbringt, sondern die künstliche Intelligenz selbst zum Objekt der Sehnsucht wird?

 

In Her erzählt Regisseur und Drehbuchautor Spike Jonze (Being John Malkovich, Wo die wilden Kerle wohnen) ein modernes Märchen, das sich genau um diese Thematik dreht. Jonze zeichnet eine Liebesgeschichte, die unser modernes Verständnis von platonischer Liebe – im futuristischen aber gleichzeitig puren Gewand – im Kern zum Thema hat.

 

Die Zukunft, die Jonze in Her seinem Publikum präsentiert, kommt sehr schlicht daher: dezente Farben, dezente Klamotten, keine Marken, dezente Klänge – die Szenerie, eine Stadt in Kalifornien, die mit Ausnahme des Strands in Westküsten-Optik stark an das heutige New York erinnert, ist in weiche, warme (Pastell-)Farben getaucht. Die Stimmung lässt sich wohl am besten als „wohlige Melancholie“ beschreiben. Nichts wirkt aufdringlich, aber alles scheint möglich zu sein in dieser so unschuldig anmutenden Welt.

 

In Her versucht Theodore Twombly die traumatische Trennung von seiner Jugendliebe Catherine (Ronney Mara) zu verarbeiten. Twombly lebt im Jahr 2025 und verdient seinen Lebensunterhalt als Auftragsautor. Beim anonymen Verfassen von Grußbotschaften und Liebesbriefen anderer Leute zeigt sich Theodore als Virtuose, privat gibt es hingegen keine Empfänger, die er intim adressieren könnte. Doch bald tritt ein neues, ungewöhnliches weibliches Wesen namens Samantha in sein Leben – eine künstliche Intelligenz. Schnell will Theodore seine dank tragbarer Technik allgegenwärtige, körperlose Begleiterin nicht mehr missen. Die präzisen Dialoge zwischen den ungleichen Protagonisten rechtfertigen den Oscar für das Beste Originaldrehbuch: Plausibel lassen sie den Außenstehenden die Annäherung zwischen Theodore und Samantha nachvollziehen. Das Dienstleistungsverhältnis weicht erst der Freundschaft, dann inniger Vertrautheit. Ein Grund, warum die Geschichte so gut funktioniert, sind die Stimmen der Protagonisten. Es ist schwer vorstellbar, dass der Film die gleich Wirkung erzielen würde ohne das sympathische samt-weiche Genuschel von Joaquin Phoenix und die sehr erotische Stimme seiner nicht sichtbaren Partnerin (im Original: Scarlett Johansson). Allerdings sei gesagt, dass die deutsche Synchronisation extrem gut gelungen ist und höchstens ein My von der Wirkung des Originaltons abweicht – das hätte definitiv schief gehen können. Zudem sorgt Jonze Dialogspiel teilweise für erfrischenden Witz und verharrt nicht nur bei ernsten Themen.

 

Der grandiose Joaquin Phoenix, eignet sich gewohnt souverän die Rolle des Spätentwicklers Theodore Twombly an. Auch mit Hipster-mäßigem Schnauzbart beweist er, dass er für Charaktere, die in ihrer eigenen Welt leben, ein besonderes Händchen hat. Dies hat er schon mit seiner Rolle als selbstsüchtiger Despot und Herrschersohn in Gladiator bewiesen, und tut dies erneut in seinem aktuellen Werk.

 

Auch wenn die Idee des Films vielleicht allzu kitschig klingen mag, funktioniert er doch hervorragend und versucht durchaus interessante Fragen zu beantworten: Was macht ein Gefühl authentisch? Was braucht es um sich zu verlieben? Muss Liebe immer körperlich sein? Und wenn ja, wie kann man andere Wege finden um sie auszuleben?

 

Verliebt in die Stimme eines Betriebssystems? Ein Liebesfilm mit einer Person? – Kann das funktionieren? Ja, kann es!  Der futuristische Liebesfilm spielt die seltsame Idee bestens durch – dank eines Oscar-prämierten Drehbuchs, erotischer Stimmen und einem wunderbaren Hauptdarsteller.

 

Mibo

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