#97_Interstellar

INTERSTELLAR

Sandkörner und Sekundenzeiger

 

In der heutigen Spoiler und Trailer verseuchten Zeit wird es zunehmend schwieriger, unbefangen und so ahnungslos wie möglich ins Kino zu gehen. Es scheint fast so, als wachsen Gegenbewegungen aus dem Boden – Filmfans die jegliche Trailer, Kritiken und Teaser boykottieren, um der teuflischen Erwartungshaltung so gut wie möglich zu entkommen. (Die Ausnahme, bilden die Handvoll Meinungen der engeren Freunde dessen Geschmack man teilt.) Im Detail sind es Menschen bei denen sich wissensdurstige Vorfreude und künstlicher Selbstschutz einen ständigen Kampf um die Vorherrschaft der Gefühle liefern. Ich zähle mich leider auch zu diesen Menschen.

 

Interstellar. Christopher Nolan. Eigentlich sollte dieser Text jetzt und hier enden. Wie schafft man es, eine Kritik zu verfassen, ohne die oben beschriebene Gattung Mensch zu verletzen? Lasst es mich versuchen. Eins vornweg, es ist ein großer Film, der es verdient auf der großen Leinwand gesehen zu werden. Ähnlich wie Godzilla oder Gravity. Im Klartext: Funktioniert nur im Kino. Die Kamerafahrten und das Sounddesign befinden sich auf einem sehr hohen, fast schon kunstvollem Niveau. Die dargestellten Elemente in ihrer Höhe und Weite sind umwerfend. Ein Genuss für Cineasten. Auch Hans Zimmer konnte sich endlich von den Pathos-Trommeln der Batman-Serie losreißen und dem Film so eine neue Frischzellenkur in Sachen Klanguntermahlung verleihen.

 

Die dargestellte Zeitepoche wird dem Zuschauer in aller Ruhe wie ein Puzzle mit tollen Bildern, interessanten Beispielen und wichtigen Erkenntnissen präsentiert. Auch für die Charakterentwicklung nimmt er sich sehr viel Zeit, was sich am Ende des 170 minütigen Monsters definitiv auszahlt, da man zu fast jeder Rolle eine emotionale Bindung aufbaut. Für einen Film dieser Länge hat Interstellar einen verdammt angenehmes Pacing, einen guten Fluss, einen positiv hervorzuhebenden Spannungsbogen mit immer wieder aufkommenden Spitzen und ein einwandfreies Erzähltempo. Der analoge, knackig scharfe, grobkörnige 70mm-Film-Stil und damit die Verbeugung vor dem 79er Ridley Scott und dem 68er Kubrick sind eine Augenweide. Es ist ein Look, der im aktuellen digitalen Kinowahn eigentlich nicht mehr existiert und vom Aussterben bedroht ist. Nolan sagt: zurück zu den Wurzeln! Lasst uns die Sets bauen bevor wir sie rein-rendern. Er ließ Miniatur-Modelle von verschiedensten Gegenständen mit 3D-Druckern erstellen, um die Umgebung am Set so realitätsnah wie nur möglich zu gestalten. Aber dem nicht genug, er veranlasste während den Dreharbeiten sogar die Projektion digitaler Hintergründe in den jeweiligen Szenen, damit die Darsteller nicht auf grüne Leinwände starren müssen! Luxus, der sich auszahlt.

 

Ebenfalls Luxus ist es, wenn du sage und schreibe fünf! Oscargewinner als Schauspieler in deinem Team hast. Die darstellerischen und emotionalen Leistungen sind von der Neben- bis zur Hauptrolle mehr als gelungen. Wenn jemand über Jahre so viele gute Filme erschaffen kann und sich auf diesem Weg fast keine Ausrutscher erlaubt, spricht das für Qualität. Interstellar ist kein Sequel, kein Remake und kommt ohne 3D daher. Für diese drei Punkte allein sollte man schon klatschen. Traurig aber wahr.

 

Freunde. Im Endeffekt ist es doch wurscht was die Hater sagen. Hat die Story von Interstellar leichte Schwächen aufzuweisen? Vielleicht. Tut der Film so als wolle er aufklären, um am Ende doch nicht alles aufzudecken? Eventuell. Fallen einige Klischee-Sätze über die Stärke der Liebe? Bestimmt. Kommen manche Gespräche zu sehr wie „Besserwisser-Physik-Oberlehrer: Das Publikum ist dumm!“ rüber? Kann schon sein. Hätte er an manchen Stellen mutiger sein müssen und das Mainstream-Publikum für einen Moment lang vergessen sollen? Bestimmt. Was aber viel viel wichtiger ist: Dürft ihr lachen? Check. Dürft ihr staunen? Check. Werdet ihr emotional berührt? Ohja. Wird das Kino vor lauter Andacht mucksmäuschenstill? Check. Reibt ihr euch vor Anspannung den Handschweiß an eurer Jeans ab? Check. Dürft ihr in manchen Szenen flüstern: „Aaaaaalder wie geil das gerade aussieht!“ Doppel-Check. Nolan nimmt euren Kopf und tunkt ihn unter Wasser. Er lässt euch spüren und fühlen! Geschwindigkeit, Adrenalin, Freude, Leid. Er schafft großartige Kinoerlebnisse. Und darum geht es. Reingehen!

 

Flo

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