lincoln

LINCOLN

Die Schreibtischtäter

 

Es braucht normalerweise Menschen, die ihrer Zeit voraus sind, damit sich Grundlegendes ändern kann. Menschen, die nicht davor zurückschrecken etwas zu wagen, etwas zu riskieren. Abraham Lincoln gilt heute als eine der angesehensten Persönlichkeiten in der amerikanischen Geschichte, weil er als genau so eine Art Mensch war, denn er befreite die Schwarzen und damit auch sein eigenes Land von der Sklaverei.

 

Da er so eine bekannte Persönlichkeit, mit so einem markanten Aussehen war, wurde er schon häufiger in Filmen, Musikvideos oder sonst irgendwo dargestellt. Zuletzt durfte er sogar Vampire jagen. Jetzt hat ihm der große Steven Spielberg ein zweieinhalbstündiges Monument gesetzt. Spielberg, ich hätte von ihm auch nichts anderes erwartet, hat sich dabei unheimlich Mühe gegeben, die Charaktere so realistisch wie möglich aussehen zu lassen und hat mit vielen Darstellern die Faust aufs Auge getroffen. Sally Fields als Mary Lincoln oder Tommy Lee Jones als Thaddeus Stevens spielen absolut beeindruckend. Doch sie und auch alle anderen können gegen Daniel Day-Lewis einpacken – einfach nach Hause gehen.

 

Day-Lewis ist ja dafür bekannt, sehr wenige Rollen anzunehmen und Spielberg musste ihn anscheinend beknien um die Rolle zu spielen, sogar andere Schauspielkollegen soll er vorgeschickt haben. Und der Altmeister wusste, wieso er das tat. Natürlich kann man nicht sagen, ob er Abraham Lincoln perfekt verkörpert, da man ja keinen Vergleich ziehen kann, doch die Darstellung ist so überzeugend und Day-Lewis durch seine wenigen Auftritte immer noch so unverbraucht, dass man einfach glaubt, dass das auf der Leinwand der 16. Präsident der USA ist. Man stellt es nicht einmal in Frage, ob da jemand schauspielert. Er lebt diese Figur mit jedem Atemzug und jeder Silbe, die er spricht, sodass ich von einer perfekten Leistung sprechen möchte.

 

Doch diese perfekte Leistung braucht der Film auch. Ich bin selber Politikwissenschaftler und ich würde von mir behaupten, dass ich mich sehr für Geschichte interessiere. Aber selbst für mich war es manchmal ein wenig langatmig. Obwohl der Film großteils nur im ersten Abschnitt des Jahres 1865 spielt, kommt es einem wie Jahre vor. Ich weiß auch nicht, wo ich wirklich gespart hätte und vielleicht hat mir auch selbst ein wenig die Ruhe gefehlt, um den Film in vollen Zügen zu genießen, doch ich hätte mir an mancher Stelle ein paar Wörter weniger gewünscht.

 

Als Fazit kann ich sagen, dass sich der Film auf jeden Fall lohnt. Allein wegen Daniel Day-Lewis. Dass man dem Mann seinen dritten Oscar in die Hand gedrückt hat, war nach dieser Leistung eigentlich gar keine Frage. Der Brite versteht es wie kein zweiter eine Rolle vollkommen anzunehmen und sie bis ins Letzte Glaubhaft zu machen und das ist absolut sehenswert. Man kann davon ausgehen, dass wenn er sich in ein paar Jahren wieder von einem der Großen da draußen beknien lässt, werden sie seinen Namen direkt wieder in den Sockel des kleinen, goldenen Mannes gravieren müssen. Zurück zum Film: Wer sich für Geschichte und Politik interessiert, wird sich bei diesem Film eigentlich auch nicht unwohl fühlen. Aber ganz klar gilt, es ist natürlich eine recht amerikanische Sache. John Williams (u.a. Star Wars, der weiße Hai, Schindlers Liste), seines Zeichens so etwas wie Spielbergs Hofmusikant, lässt keine Gelegenheit aus im Hintergrund ein patriotisches Liedchen auf einer Flöte pfeifen zu lassen. Es ist zwar nicht unangenehm, aber es ist und bleibt doch amerikanische Geschichte, die für manchen Europäer nicht ganz so wichtig erscheint. Ohne die Leistung der Sklavenbefreiung hier in irgendeiner Weise kleinzureden. Also Amerika-Fans, Geschichtsliebhaber und Daniel Day-Lewis Fans für euch ist es ein Muss, der Rest sollte ihn sehen, muss es aber nicht.

 

Jan

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