martyrs

MARTYRS

Das Licht am Ende des Tunnels

 

Märtyrer = aus dem Griechischen μάρτυς „Zeuge“.

 

Es waren keine einfachen Zeiten für den Horrorfilmnerd. Seit Hostel (2005) jagte ein Torture-Porn-Film den nächsten und Tausende von Direct2DVD-Veröffentlichungen kopierten das Saw- und Hostel –Konzept, das selbst bei den Originalen nach dem Erstling nicht mehr spannend war. Alle versprachen sie, der härteste und derbste Film zu sein, wobei Härte stets mit der Erhöhung des reinen Gewaltschauwertes verwechselt wurde – Filme, denen man weniger Seele als den Menschen auf dem Planet der Affen zusprechen kann, waren das Ergebnis.

 

Der Franzose Pascal Laugier zeigte diesem Trend 2008 mit seinem kompromisslosen Martyrs den Mittelfinger und das nicht, indem er Härte und Blut abschwor – im Gegenteil. Vielmehr kreuzte der Franzose plakativen und subtilen Horror und erschuf so ein Monster von einem Film, das durch seinen Anspruch in Verbindung mit grenzenloser Härte aus der Masse hervorsticht. So löste Martyrs international Entrüstung wie Begeisterung aus und stellte unweigerlich klar, wer das Alphatier unter den Horrorfilmen des Jahrzehnts ist. Kinobesucher sollen in Ohnmacht gefallen sein, in Scharen wurden die Säle verlassen. Alles schon mal gehört? Die alte Marketingschiene? Nicht dieses Mal, denn Martyrs ist anders.

 

1971 greift die Polizei ein schreiendes, blutendes Mädchen auf, das den Anschein erweckt, als sei es durch die Hölle gegangen. Mehrere Jahre wurde die kleine Lucie in einer Art  Industriekomplex gefangen gehalten, gequält und gefoltert. Untergebracht in einem Waisenhaus, ist die kleine Anna ihre einzige Bezugsperson und der einzige Mensch, mit dem das traumatisierte Mädchen spricht. Ihr erzählt sie auch von der furchterregenden Kreatur, von der sie immer wieder heimgesucht und gequält wird. 15 Jahre später glaubt Lucie, die Verantwortlichen für ihr unbeschreibliches Leiden auf einem Zeitungsfoto ausgemacht zu haben. Die unzertrennlichen Freundinnen statten nun einer vierköpfigen Familie einen Besuch ab. Und so wird ein idyllisches Frühstück zum Blutbad ärgster Gangart, bei dem selbst die Kinder in Mithaftung genommen werden…

 

Selten habe ich einen so bitterernsten Film wie Martyrs gesehen. Während viele Horrorfilme von einem leichten Trashfaktor flankiert werden, kommt Martyrs in seinen 90 Minuten ohne das leichteste Augenzwinkern aus. Hier wird sich kompromisslos mit Gewalt und den Auswirkungen dieser auf das Individuum und dessen Psyche auseinandergesetzt. So entsteht nicht die vielzitierte Spirale der Gewalt, sondern eine in sich logische Chronologie der Gewalt mit festem Ziel in Aussicht: Dem Metaphysischen. Etwas, nach dem sich der Mensch seit jeher sehnt und zu dem in diesem Film die Gewalt das Medium stellt. Bekommt die Gewalt dadurch eine sinnige Dimension?

 

Mit solchen Fragen konfrontiert Martyrs sein Publikum, wenn es die körperliche und psychische Entwicklung der Protagonistinnen verfolgt. So ist dieser Psychohorror ein wahrer filmischer Grenzgang, auf den alle warten durften, die sich für Extreme begeistern können und auf den nächsten Schritt im Horrorgenre hofften. Auch das kontroverse Ende steuert seinen Teil zum „Kloß im Hals“ der Zuschauer bei und wirft weitere Fragen auf, die sicherlich noch einige Zeit in einschlägigen Internetforen diskutiert werden dürfen.

 

Werdet auch ihr Märtyrer. Es lohnt sich.

 

Euer Professor Horribilus

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