#99_Nightcrawler

NIGHTCRAWLER

American Angst

 

Als der Hirte Herostratos 356 vor Christus den Tempel der Artemis in Brand steckte, hatte er einen unauslöschlichen Platz in den Geschichtsbüchern vor Augen – seitdem gilt sein Name als Synonym für Menschen, die aus Geltungssucht Untaten begehen. In der Filmgeschichte wurde sich oft diesem Typus gewidmet. Man denke an den tragischen Einzelgänger Travis Bickle aus Taxi Driver (1976), dessen Kampf gegen eine als dekadent empfundene Gesellschaft ihn nur durch Zufall zum Volkshelden statt zum kranken Attentäter macht. Während Bickles eitler Moralismus Ausdruck innerer Zerrissenheit war, ist der (Anti-)Held in Dan Gilroys Debut Nightcrawler ein durchweg herostratischer Asozialer, der um jeden Preis einen Platz an der Spitze jener kaputten Gesellschaft anstrebt. Die perfekte Hauptfigur also für eine böse Medien- und Gesellschaftskritik, die irgendwo zwischen American Psycho und Drive anzusiedeln ist und ihre Schlagkraft gerade aus der Einholung ihrer satirischen Elemente durch die Wirklichkeit bezieht.

 

Wenn Lou Bloom sich nicht mit nächtlichen Raubzügen über Wasser hält, kauert der charismatisch-abgefuckte Mittzwanziger in autodidaktischen Exzessen bis in die Morgenstunden vor dem Bildschirm seines Laptops. Die strähnigen Haare fallen über Augen, in denen ein übersteigerter Ehrgeiz brennt, denn das gesammelte Wissen soll ihm den Weg zum amerikanischen Traum ebnen, der ihm im Moloch L.A. bislang so erbarmungslos verwehrt blieb. In einer Schicksalsnacht wird er schließlich Zeuge der Arbeit sogenannter Nightcrawler  – Medienhyänen, die auf die Jagd nach grausamen Stories gehen, um den Sensationshunger einer satten, sich selbst verdauenden Bürgerschicht zu stillen. Menschliche Schicksale sind dabei nur News, die am nächsten Morgen dem Bestbietenden feilgeboten werden. Während sich in Lous Augen die Flammen eines Verkehrsunfalls spiegeln und der Zuschauer ob des Zynismus der Reporter angewidert und fassungslos auf das Geschehen starrt, erhellt das Inferno als Leuchtfeuer den Weg des jungen Mannes hinaus aus der Perspektivlosigkeit. Mit einem Camcorder bewaffnet macht er seine ersten unbeholfenen Jagdversuche, bis er erkennt, wie sehr ihm seine Kaltblütigkeit in diesem Geschäft Gehilfe ist – Lous Aufnahmen werden zunehmend inszenatorischer…

 

Jake Gyllenhaal hat sich mit Nightcrawler endgültig zum grandiosen Charakterdarsteller entwickelt. Das ist umso beachtlicher, da Lou Blooms Persönlichkeit über die gesamte Spielzeit fast gänzlich unter unzähligen Schichten angeeigneter Floskeln verborgen bleibt. Gyllenhaal schafft es, dem Gesichtslosen ein Gesicht zu verleihen.Vor dem Hintergrund der scharfen Medienkritik funktioniert der Charakter fantastisch – Bloom ist Ausnahme und Regel zugleich, im kranken Mediensystem austauschbar wie unersetzbar. Auch ist keine wirkliche innere Entwicklung erkennbar. Vielmehr kristallisieren sich seine Talente heraus, die immer schon vorhanden waren, aber erst jetzt einen Boden finden, der amoralisch genug ist, um sie fruchtbar werden zu lassen. Diese Welt ist wie geschaffen für Lou und gleichzeitig ein Monster, das von Typen wie ihm am Leben gehalten wird. So tritt der junge Reporter immer selbstbewusster auf und wird auch für zartbesaitete Kollegen zum mephistophelischen Verführer. Denn die Anziehungskraft des Erfolgs lässt alle Werte schnell vergessen und so ist es bezeichnend, wenn selbst Lous gutmütiger Assistent (Riz Ahmed) seine Bedenken in einem höheren Gehalt aufgewogen wissen will.

 

Die Erfolgsgeschichte wird in stilvollen Bildern erzählt, deren ästhetische Eingebungen bei GTAV und Drive zu suchen sind. Der Gegensatz zwischen dem Leid und dem darauf aufgebauten blühenden Erfolg findet in der Abwechslung zwischen rauen, scheinbar authentischen News-Aufnahmen und den leuchtenden Einstellungen des nächtlichen L.A. seine filmische Form. Hier liegt jedoch ein einsamer Kritikpunkt: Eine 18er Freigabe hätte dem Film gut getan, denn eine reißerischere, dem Thema angemessenere Darstellung der blutigen Schicksale, hätte die Negativfaszination beim Zuschauer verstärkt und Fragen über die eigene Schaulust noch pressender aufkommen lassen. Die Nörgelei mag jedoch aus der Horroraffinität eures Autors rühren und fällt bei diesem packenden Debut, das durchaus als Meisterwerk zu bezeichnen ist, nicht ins Gewicht.

 

Euer Professor Horribilus

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