sightseers

SIGHTSEERS

Brutale Kontraste

 

Mickey und Mallory Knox feierten die Ästhetik des Schreckens, Bonnie und Clyde schafften es als die großen, gesetzlosen Romantiker auf die Leinwand und Thelma und Louise rührten mit ihrer „Tod oder Freiheit“-Emanzipation ganze Kinosäle zu Tränen.

 

Der Regisseur Ben Wheatley setzt diesen Roadmovie-Ikonen das wohl uncoolste Killerpärchen der Filmgeschichte entgegen und stellt klar: Seit 2012 ist Amoklaufen was für Spießer!

 

Chris (Steve Oram) und Tina (Alice Lowe) haben sich gefunden. Beide in den Dreißigern stolpern sie unerträglich unbeholfen durch ihr langweilendes Leben und finden in ihrer ersten Liebesbeziehung Halt und Mut. Der Versager Chris liebt die ersehnte Bewunderung, die das Mauerblümchen Tina für ihn hegt. Im Gegenzug ist er für seine Partnerin die Chance, sich von der Knute ihrer Mutter zu lösen.

Als Chris mit einem Wohnwagen vor Tinas Tür steht, ist die Mutter wenig begeistert. Etwas erscheint ihr merkwürdig an dem rotbärtigen, kleingewachsenen Mann, der ihr das Kind auf einen Road-Trip entführen will.

 

Nachdem ein weggeworfenes Kaugummipapier gleich an der ersten Etappe einen misanthropischen Anfall bei Chris verschuldet und er den Umweltverschmutzer -scheinbar versehentlich – überfährt, verrät sein selbstzufriedenes Grinsen: Der Instinkt hat die böse Alte nicht getäuscht. Dieser „Unfall“ bildet den Startpunkt für eine von unreflektiertem Welthass getränkte Reise, auf der regelmäßig Unschuldige Chris´ Minderwertigkeitskomplexen und Tinas kindlicher Eifersucht zum Opfer fallen.

 

Anke Engelke und Bjarne Mädel leihen dem Killerpärchen in der deutschen Fassung ihre Stimmen. Vor allem Mädel liefert mit seinem dauerbeleidigten, aus Stromberg bekannten Organ, die perfekte Akustik für Chris´ aggressiv-selbstmitleidiges Spießbürgertum. Die zunächst gewöhnungsbedürftige Synchronisation erweist sich schnell als absoluter Glücksgriff für einen Film, der mit Einblicken in das Innere seiner Charaktere geizt und dem Zuschauer umso mehr Orientierung in Form von Stimme, Mimik und Körpersprache bieten muss.

 

Auch der Cast von Sightseers muss diesen Ansprüchen folgen und enttäuscht genau so wenig. Alice Lowe (Hot Fuzz) und Comedian Steve Oram harmonieren in ihren Rollen perfekt und meistern die schwierige schauspielerische Aufgabe der „leisen Psychos“ mit Bravour.

 

So ist Sightseers  eine extrem gut beobachtete Charakterstudie, die den Zuschauer bei der Ergründung der Handlungsmotive ihrer Anti-Helden über weite Strecken alleine lässt. Somit muss das Publikum Gefallen an der aufmerksamen Beobachterrolle finden, um tiefere Ebenen der Geschichte zu erschließen. Während dieser Ansatz von einigen Kritikern als Beliebigkeit abgetan wurde, sehe ich gerade hier die große Stärke des Films. Anstatt dem Zuschauer plakativ formelhaft-psychologische Erklärungsansätze zu bieten, wirft ihn der Film in eine übergeordnete Position, in der er selbst gefordert ist.

 

Euer Professor Horribilus

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