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THE BROKEN CIRCLE

Die bittersüße Melodie des unvollendeten Glücks

 

Blaugrüne Grasblätter aus Kentucky wehen im belgischen Wind. Bluegrass. Die reinste Form der Country-Musik. Komplett akustisch. Banjo, Violine, Mandoline, Gitarre, Kontrabass. Dazu eine Stimme, die vom Schlimmsten und Schönsten erzählt. Country drückt das aus, was nicht gesagt werden kann und worüber zu schweigen unmöglich ist. Kraftvoll und emotional. Wie der Film selbst. The Broken Circle.

 

Elise ist Besitzerin eines Tatoo-Ladens. Ihr Körper ist übersäht von kleinen Kunstwerken. Der Mann, der sich in sie verlieben wird, hört auf den Namen Didier. Musiker und vollbärtiger Althippie mit Amerika-Faible, der mit seinem Pick-Up Truck auf einem Bauernhof haust. Gegensätze scheinen sich auch in der flämischen Provinz anzuziehen. Er hat viel zu erzählen. Sie hört zu. Sie hat ihren Glauben. Er seine verträumte Romantik. Als bei der Tochter, der mittlerweile glücklichen Eltern, im Alter von sieben Jahren Krebs diagnostiziert wird, bricht eine Welt zusammen. Im Fundament entstehen Risse. Ist die Liebe und der Bund stark genug um die Schicksalsschläge gemeinsam durchzustehen?

 

Felix Van Groeningen (auch bekannt für Die Beschissenheit der Dinge) schenkte mir mit seiner zweiten Regiearbeit einen der besten Filme und vielleicht den besten Filmeabend des Jahres. Ich hatte das Glück dieses unglaublich berührende Drama auf der Esslinger Burg unter sternklarem Sommernachtshimmel sehen zu dürfen. Cineasten und Glühwürmchen. Zimt-Popcorn und das Zirpen der Grillen. Ein hauchzarter Wind machte sich bemerkbar, als die ersten Worte auf der Leinwand auftauchten. Es schien so, als ob etwas besonderes auf uns zukommen würde.

 

Man braucht eine kurze Zeit, um reinzukommen. Der Film erzählt in nichtchronologischer Reihenfolge mit einer sehr sympathischen, unkonventionellen Art und Weise eine Geschichte aus dem Leben. The Broken Cirlce hat mich jegliche Emotion spüren lassen. Er springt von glücklich und lebensbejahend zu depressiv und tieftraurig. Es ist einer dieser Sorte Filme, die ungeahnte Ausmaße annehmen. Ob ein, zwei Szenen dabei etwas überdramatisch sind? Mag sein. Das Gesamtbild wird dadurch aber nicht zerstört. Gerade die unglaublich toll besetzten Schauspieler erschaffen diese greifbare Echtheit. Diese hundertprozentige Authentizität. Keine unnötigen musikalischen Untermalungen in dramatischen Momenten, keine niedlich aufgehübschten Sexszenen, keine Hollywood-Nummer eben. Van Groeningen fügt in manchen Szenen fast dokumentarisch anmutende Einstellungen mit ein, die sich jedoch Sekunden später wieder in künstlerische Stilelemente verwandeln können.

 

Getragen wird das Ganze von einem (wie soll es anders sein) der besten europäischen Filmsoundtracks, die ich im Kino erleben durfte. Hattet ihr schon mal Gänsehaut am Kopf? An meinem linken und rechten Arm passiert das schon recht regelmäßig – aber am Kopf? Das letzte Mal muss in der Friedenskirche in Ludwigsburg gewesen sein, als die Big Black Mama der Golden Gospelsingers nach vorne stolzierte um den Refrain von R. Kelly‘s „The Storm is over“ nochmals zwei Oktaven höher anzusetzen. Im Kino ist mir das noch nie passiert. Bis jetzt. Als die Hauptdarstellerin die ersten Worte von „The Wayfaring Stranger“ ansetzt wird es plötzlich ganz still auf dem Burggelände. Der Moment war einzigartig. Kein Popcornrascheln, kein Husten, einzig der himmlische Klang ihrer Stimme. Ein wohliger Schauer befällt mich und meine Kopfhaut zieht sich zusammen. Kaum zu beschreiben dieses Gefühl. Eben wegen Szenen wie dieser wirkt der Film sehr lange nach.

 

The Broken Circle steckt bei all dem Schmerz, den ihr erleben werdet, jedoch auch voller Hoffnung und Leidenschaft – für die Liebe, das Leben, ungewöhnliche Charaktere und vor allem für die Musik. Das Drama wurde wunderschön gefilmt und fotografiert. Die Synchronisation ist nicht immer angemessen, fällt jedoch beim absolut glaubwürdigen Schauspiel der beiden Protagonisten kaum negativ auf. Euch erwartet ein unheimlich intensives, ehrliches und berührendes Filmerlebnis. Eines, das fern jeglicher gekünstelter Gefühlsduselei berührt und trifft. Mitten ins Herz.

 

Flo

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