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THE CONGRESS

Halluzinogene Glaskugelreise

 

Wie lange leben wir schon in einer nachkorrigierten Welt? Nehmen wir überhaupt noch wahr, was real ist? Jedes Mal, wenn wir in den Spiegel blicken, tanzt ein kleiner Dorian Gray mit Dreizack auf unserer Schulter und ruft: „Boaaah bisch du hässlich!“ Keine Bilder mehr ohne Sepia-Filter, kein Feiern mehr ohne Drogen, keine Werbung ohne Gesichts-Weichzeichner.

Wer heute die eigenen vier Wände ohne seine Freunde Mascara und Kajal verlässt, darf sich als Rarität bezeichnen. Traurig. Doch dies ist erst der Anfang.

 

Robin Wright (Forrest Gump, House of Cards) gespielt von keiner Geringeren als sich selbst, wandelt in ihren Endvierzigern. Ihre Karriere hat die lukrative Zeit längst überschritten. Falten im Gesicht bringen in Hollywood eben keine neuen Rollen. Ihr Agent und Mentor (Harvey Keitel) unterbreitet ihr jedoch das Angebot sich von den Miramount Studios digital scannen zu lassen und somit die Rechte an ihrer Person – der Marke Robin Wright – zu verkaufen. Ein Pakt mit dem Teufel!

 

Ari Folmans Kunstwerk The Congress inszeniert und kritisiert unsere virtuelle Zukunft. Utopisch und dystopisch zugleich. Eine Wundertüten-Fatamorgana. Das digitale Ebenbild wird zur trügerischen Wahrheit. Er wirft mit so vielen Fragen und Stellungsnahmen um sich dass es teilweise schwierig wird alles zu erfassen und zu verstehen. Gibt es Unsterblichkeit? Amüsieren wir uns zu Tode? Was geschieht mit dem freien Willen? Und was hat Philosophie mit Science-Fiction zu tun?

 

Als wäre dies nicht genug, gesellen sich dazu einige kritische Augenzwinkler zum Thema Filmindustrie, Medienethik, dem Urheberrecht und der Illusion digitaler Schauspieler – ein Problem, von dem wir schon heute nicht mehr all zu weit entfernt sind.

 

The Congress ist ein intelligenter, paradoxer, zermürbender, farbenfroher, verstörender, berauschend-philosophischer Film mit beeindruckend fantastisch-psychedelischen Bildern und einer sensiblen und anspruchsvollen Geschichte, die herausfordert und zum Nachdenken anregt. Der künstlerische Stil, das Tempo und die Erzählweise von The Congress ist heftige Geschmacksache und könnte viele da draußen abstoßen oder verwirrt zurücklassen. Aber gerade Filmkunstliebhaber sollten auf jeden Fall mal reingeschaut haben.

 

Flo

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