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THE CONJURING

Who you gonna call?

 

Lorraine und Ed Warren waren seit den 1950ern die Stars einer ehrbaren Berufssparte, die oft der Unseriosität  bezichtigt wird. Neidische 9to5-Rationalisten schielten abfällig aus grauen Großraumbüros auf die Geisterjäger, die immer dort zur Stelle waren, wo knarrende Dielen und schlagende Fensterbretter für Unbehagen sorgten.

 

Während das Gros ihrer Aufträge also Banalitäten entsprang, gab es auch derart erschreckende Fälle, dass sie noch heute mit Mythen umsponnen und verfilmt werden. Der bekannte, einem tragischen Blutbad folgende Spuk von Amityville, gehört genauso zu diesen, wie die Heimsuchung einer Familie auf Rhode Island, um deren Verfilmung es heute geht.

 

Nach einer universitären Vorlesung der Warrens (Patrick Wilson und Vera Farmiga), die als Prolog um eine besessene Puppe inszeniert ist, werden die Geisterjäger von der verzweifelten Carolyn Perron (Lili Taylor) angesprochen. Die Furcht, die sie zu den Warrens treibt, hat tiefe Furchen im Gesicht der Dame hinterlassen und schnell  spürt die sensible Lorraine, dass es sich hier um etwas Besonderes handelt. In der Hoffnung auf familiäres Idyll zog Carolyn Perron mit ihrem Mann Roger (Ron Livingston) und den fünf Töchtern in ein abgelegenes Landhaus auf Rhode Island. Doch etwas Hasserfülltes, abgrundtief Böses hat sich beim Betreten des Grundstücks an die unbedarfte Familie geheftet und schwebt als drohender Schatten über ihr. Die jenseitige Gefahr macht auch vor den erfahrenen Geisterjägern nicht halt, die mit fortlaufender Spielzeit an ihrer Aufgabe zu zerbrechen drohen. Denn wie der Schriftsteller Ernst Jünger wusste, „belagert die Furcht auch die bis an die Zähne Gerüsteten – ja gerade sie“.

 

Der Box-Office-Hit The Conjuring wurde von der Kritik gefeiert. Regisseur James Wan hat seine in Saw und Insidious erprobten filmischen Folterwerkzeuge erweitert und quält den Zuschauer mit neuen, kreativen Schockmomenten. Diese Schocker funktionieren wie von Geisterhand in einer selten erfahrenen Effektivität und besonders die furchteinflößende Versteckspiel-Sequenz muss hier erwähnt werden – Klapp Klapp. Der Film zehrt als böser Geist von der Angst der Zuschauer und entlässt sie nur scheinbar nach 110 Minuten als leichenblasse Schatten ihrer selbst aus dem Kinosaal – wehe dem, der alleine schlafen muss. Ästhetisch setzt The Conjuring auf eine unaufdringliche Nostalgie, die durch einen netten 70er-Look, atmosphärische Musik und zahlreiche Verweise (vom Exorzisten bis Hitchcock) zu gefallen weiß. Wan kratzt mit seinem jüngsten also an Horror-Perfektion.

 

Annäherung an Perfektion hat jedoch ihren Preis. Denn The Conjuring ist weniger mutig als seine Protagonisten. Gerade das vielversprechende Element der Geisterjäger, die trotz Expertise überfordert sind und selbst in Bedrohung geraten, wurde nicht vollends ausgeschöpft. Hier krankt es an Charakterzeichung und Dramaturgie. Martyrs hat vorgemacht, was für eine brutal drückende Atmosphäre möglich ist, wenn sich Horror nicht vor dramatischen Funken scheut. So fehlt ein letzter genialer Moment, damit die besondere Erwartung – durch euphorische Kritiken geschürt -  Befriedigung finden kann. Schließlich ist The Conjuring „nur“ ein sehr gutes Konglomerat aus bekannten Elementen – ein Film wie ein strebsamer Schüler, der alles Verlangte auswendig aufsagen kann und dem es doch an Talent und Eigensinn mangelt. Daher wurde aus der Verheißung wochenlanger Albträume nur eine Nacht, in der die Geschehnisse um die Perrons meine Traumwelten heimsuchten.

 

Tipp: Um den Grusel zu steigern, seien die Interviews mit Lorraine Warren empfohlen, die auch als Teil einer gerissenen Marketingstrategie verstanden, nichts von ihrem fürchterlichen Ernst einbüßen – hier spricht eine, die glaubt.

 

Euer Professor Horribilus

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