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THE GRAND BUDAPEST HOTEL

Zu Gast bei Freunden

 

Es beginnt wie eine Fabel. Mit einem sanften Knarzen öffnen sich die Pforten des alten, prunkvollen Etablissements am Ende der Welt: The Grand Budapest Hotel. Ich trete ein. Ab diesem Zeitpunkt bin ich auf mich gestellt. Die Geschehnisse sind fiktiv – allein in unserer Vorstellung entfaltet sich die unberührte Magie.

 

Zwischenwelt. Nicht existent, jedoch schlüssig in sich. Eine düstere Zukunft – eine farbenfrohe Vergangenheit. Ein Auto fährt vor. Ich ziehe meinen Hut und vollende meine tiefe Verbeugung vor den 30er Jahren. Skurrile Visionen verschmelzen mit bizarrer Realität. Stück für Stück lerne ich meine Freunde kennen. Es beginnt eine Abenteuerreise. Züge, Gondeln, schneebedeckte Gipfel. Ein Apfel. Nein, ein Junge mit Apfel. Wir rasen durch einen Eiskanal. Die Olympischen Winterspiele sind Erinnerungen an bessere Zeiten. Kameraschwenk links, Kameraschwenk rechts. Zoom. 16:9. 4:3. Schwarz-Weiß. Farbe. Schaffenslust. Übersättigung. Es ist eine Wonne, ihm bei seiner Arbeit zuzuschauen. Die liebe zur Nostalgie ist nicht zu übersehen. Der Page spurt und der Concierge weiß, was ein guter Service ist. Ein alter, angestaubter Glanz hängt über Europa.

 

Ich öffne die Wundertüte erneut. Siehe da, der detailverliebte Charme tarnt sich als Komödie und enthält bisweilen sogar klassische Spannungselemente? Das Fragezeichen verwirrt mich. Ich laufe einen Gang entlang. Es empfängt mich ein ausgefeiltes Spiel der Strukturen und Formen. Erst ein Brummen, dann ein Klingeln – gefolgt von einer verspielten Bassmelodie. Ein äußert belebtes Tonspiel begleitet mich nun fortan. Es ist laut und schlicht zugleich. Es scheint sich jeder Situation geschmeidig anzupassen und begeistert mich auf allen Ebenen meiner Sinne. Sorgfältig bewege ich mich durch die Räume meines neuen Märchenschlosses. Geometrische und disharmonische Bildkompositionen erfreuen sich meinem grafischen Auge und suchen pausenlos den entscheidenden Fluchtpunkt in der geistreichen Szenerie. Kunstliebhaber, Fotografen und Ästhetiker schicken Luftküsse gen Himmel. Ein Augenschmaus in puncto dekorativer, aberwitziger und absurder Vielfalt. Ich mache eine kurze Pause. Um was geht es hier überhaupt? Im Grunde geht es hier um nichts. Trotzdem steht für meine Freunde alles auf dem Spiel. Und es sind derer so viele. Ich freue mich jedes Mal aufs Neue, wenn ich einem alten Bekannten die Hand schütteln darf. Auch wenn er oder sie nur für eine kurze Zeit bleibt, herausgeputzt haben sie sich alle mal. Verrückte Frisuren, ikonischer Handschmuck, bedrohliche Schminke. Ich war überwältig und hätte viele meiner alten Weggefährten beinahe nicht wiedererkannt. Es waren oft nur Kleinigkeiten wie Hüte, Tatoos oder falsche Bärte, die einen fremdartigen und zugleich liebevollen Eindruck hinterließen.

 

Nach 99 Minuten verlasse ich ein mit Zitaten gespicktes Labyrinth, welches vor Geniestreichen und Geistesreichtum fast zu explodieren drohte. Eine turbulente Schnitzeljagd geht zu Ende. Ich lächele zufrieden. Was bleibt ist ein wohliges und angenehmes Gefühl. Diese einzigartige Kombination aus Detailreichtum und Charme sind kaum zu überbieten. Es klingelt an meiner Tür. Ich öffne. Vor meinen Füßen steht eine rosa Verpackung mit einer blauen Schleife. Mendels. Ich wusste es.

 

Flo

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