place beyond pines

THE PLACE BEYOND THE PINES

Von Vätern und Söhnen

 

Die Kamera schwebt hoch oben über den Pinienwäldern. Ein pechschwarzes Motorrad und dessen treuer Gefährte gleiten sanft über die breite Straße des dichten Waldabschnittes. Stille. Gefolgt von weichen, zauberhaften Klängen. Magie liegt in der Luft. Voller Anmut atme ich leise aus. Glückseligkeit und Melancholie vereinen sich. Ich versinke im Film.

 

Im Kino werden Geheimnisse erzählt. Hier dürfen wir an unerforschte Orte reisen, zu Menschen nach Hause, in deren Reich, dort Zeuge ganz privater Momentaufnahmen werden und dabei über unser eigenes Leben nachdenken. THE PLACE BEYOND THE PINES ist ein detailliertes, von Sean Bobbitt (Shame) großartig fotografiertes Episodendrama über Schuld, Reue und Vergebung. Es geht um Männer diesseits und jenseits des Gesetzes. Um Väter und Söhne. Und um Erbe – um jenes, mit dem wir geboren werden, und jenes, dass wir weitergeben. Eine Stadt gefangen zwischen Trostlosigkeit und dem einen funken Hoffnung. Ein Ort jenseits der Pinien.

 

Der Regisseur und Drehbuchschreiber Derek Cianfrance (Blue Valentine) widmete sich früh in seiner Karriere dem Dokumentarfilm. Auf der einen Seite steht die Realität, auf der anderen das Fiktive. Er liebt es Geschichten zu erzählen. Kleine Persönliche oder Große und weite. Diese Mischung machen seine Werke so besonders. Er braucht als Filmemacher nicht unbedingt eine Botschaft. Man „fühlt“ was er ausdrücken will. Man fühlt und spürt sie am ganzen Körper. Sobald man sich auf seine Geschichten einlässt, kann man für sich selbst unglaublich viel mitnehmen. Sie wirken.

 

Luke (gespielt von Ryan Gosling) ist ein Kerl mit mysteriöser, dunkler Vergangenheit. Er ist geschädigt und verletzt. Das manifestiert sich nicht in Narben, sondern in seinen Tattoos. Er besitzt diese mystische Präsenz und ist gleichzeitig ein wandelnder, blonder Widerspruch. Innerlich verletzt, äußerlich gepanzert durch Muskeln und Tattoos. Eine großes sanftes Raubtier in einem zu kleinen Käfig. Kurz gesagt: Ryan Gosling IST der Film! Seine Präsenz und sein Charisma sind unglaublich. Selten hat mich ein Schauspieler dieser jungen, neuen Generation so in seinen Bann gezogen. Schon allein wegen ihm lohnt es sich diesen Film anzuschauen. Ich durfte die 140 Minuten in Originalton mit Untertitel auf der großen Leinwand betrachten. Leider kann ich nicht über die deutsche Synchronqualität seiner Rolle urteilen. Wenn ihr die Chance habt, geht ins englische Kino. Seine besondere, feine Stimme passt sehr gut zu seinem sanften Wesen.

 

Die weiteren Haupt- und Nebenrollen sind auch wahnsinnig gut besetzt. Bradley Cooper, Eva Mendes und Ray Liotta sind die bekanntesten und liefern allesamt sehr gute Leistungen ab. Der Film funktioniert zum einen so gut, weil die beiden Hauptcharaktere faszinierende aber dennoch komplett unterschiedliche Ausstrahlungen besitzen. Der Film profitiert enorm von diesem Gegensatz. Auf der anderen Seite punktet er mit dieser subtilen, dann aber immer stärker werdenden Authentizität. Es wurde vor Ort und mit Einheimischen gedreht. Ein reale Polizeiwache mit Berufspolizisten. Ein echtes Krankenhaus mit echtem Personal, ein gerade stattfindender Jahrmarkt und Banken mit echten Schalterbeamten. Sogar eine Highschool mit echten Schülern. Hier spürt man ganz deutlich die dokumentarische Vergangenheit des Mannes hinter der Regieklappe.

 

Zur Musik muss ich nicht viel sagen. Wenn jemand Bon Iver in seinen Soundtrack mit aufnimmt, ist eigentlich schon klar, dass es hier um Qualität und guten Geschmack geht. Es ist einer dieser Filme bei dem die Zuschauer bis zum letzten Wort des Abspanns sitzen bleiben und noch mal alles auf sich wirken lassen. Ein Film für Menschen, die „fühlen“. Für Nostalgiker und Melancholisten. Für diejenigen, die ihren Nintendo Controller immer noch im Sandkasten der 80er und 90er suchen. Und für alle, denen Filme und die Kunst dahinter wichtig sind. Solange wir Menschen noch Gänsehaut bekommen ist alles andere unwichtig. Ich wünsche euch viel Spaß im Kino. Nehmt euch die Zeit.

 

Flo

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