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THE YELLOW SEA

Verwundbarkeit

 

Das Gelbe Meer. Ort der Hoffnung, Ort der Entscheidung. Der Name stammt vom gelblichen Sand, den der Gelbe Fluss Huang Ho ins Meer hineinträgt. Für viele Koreaner symbolisiert es die Tür zu einem neuen, besseren Leben – ein Leben voller Zuversicht und Unsicherheit. In den Vollmondnächten pilgern sie zu den Häfen, immer auf der Suche nach kleinen, alten Fischerbooten mit leisen Motoren. Die Fahrt in die Dunkelheit beginnt.

 

Ort des Geschehens ist Yanji City, eine Küstenregion zwischen Nordkorea, China und Russland. Kriminalität und Armut bestimmen den tristen Alltag. Im Mittelpunkt stehen die „Joseonjuk“: Illegale, meist koreanische Einwanderer. Heimatlose, Vertriebene, driftend zwischen den Ländern – auf der Suche nach einer neuen Identität. Der Protagonist Gu-nam (Ha Jung-woo) ist einer von ihnen. Taxifahrer. Spielsüchtig. Erdrückt von Schulden. Ein Leben ohne Honigtopf am Ende des Regenbogens. Als er auf Mr. Myun (Yun-seok Kim) trifft und dieser ihm einen Deal für Mord gegen Bezahlung anbietet, wähnt er seine letzte Chance und macht sich auf die Reise nach Seoul. Eine Reise ins Ungewisse.

 

The Yellow Sea (Originaltitel: Hwanghae) ist der zweite erfolgreiche Film des koreanischen Filmgenies Hong-jin Na. Der Film startete seinen Triumphzug über die kritischen Festivalbühnen rund um den Globus. Gerade bei den Asian Film Awards 2011 wusste der Milieu-Thriller das Gremium zu überzeugen und brachte Ha Jung-woo den Preis für den Besten Darsteller ein.

 

Yellow Sea ist bedrückend, trostlos und brutal. Aber auch geheimnis- und verheißungsvoll ohne dabei in ein kitschiges Splattergenre zu verfallen. Die dreckige, nachweisbare Authentizität und die unvorhersehbare Handlung, in der die Grenze zwischen Gut und Böse scheinbar nicht existiert, machen den speziellen Reiz dieses Films aus. Jeder von Euch, der sich von westlichen Gangsterdramen übersättig fühlt oder einfach nur auf der Suche nach etwas Anderem ist, dem sei dieser schmutzige, in Salzwasser getränkte Streifen wärmstens empfohlen.

 

Der Regisseur porträtiert die Charaktere und das Milieu, in dem sie wandeln, sehr präzise und nimmt sich die Zeit, seine Spielfiguren dort zu platzieren, wo er sie haben will ehe Ende des Zweiten von vier Kapiteln nicht nur die Geschwindigkeit, sondern auch die Leichenfrequenz Stück für Stück ansteigt. Der Name der Produktionsfirma (Popcorn Film) lässt es schon fast erahnen: Es ist ein schmaler Grat zwischen Unterhaltung und Exzess. Eine berauschende Material- und Körperschlacht, die im Gegensatz zu vergleichbaren amerikanischen Werken allerdings eine Intensität an den Tag legt, welche auf diesem Level schwer zweimal zu finden ist. Da in The Yellow Sea keine Schusswaffen benutzt werden, erhält der Film eine ganz eigene, bizarre Dimension von physischer Gewalt, ohne das Ganze banal erscheinen zu lassen. Zum Einsatz kommen vor allem Messer, Äxte und Fäuste – die Zerbrechlichkeit des Körpers steht im Vordergrund. Und niemand schwingt die Axt so kunstvoll wie Yun-seok Kim. Der Akt des Tötens ist grausam, archaisch und böse. Vor allem aber kräftezehrend. Wenn man als Betrachter mitfühlt, mitleidet, hat der Regisseur schon mal einiges richtig gemacht. Sehr viel richtig gemacht hat er meiner Meinung nach bei der Auswahl des Looks. Der schmutzigen, grobkörnigen, perfekt zum Thema passenden Optik klatsche ich laut Beifall, genau wie dem für den mitfiebernden Zuschauer passenden Katz-und-Maus-Spiel der beiden Hauptdarsteller. Wir als normale, westliche Filmbetrachter, sind mit der ständig wechselnden Ausgangssituation einfach nicht vertraut. Und genau das macht Spaß.

 

Fazit: Traut Euch! Probiert etwas Neues aus. Maultaschen mit Ei war gestern. Ich empfehle Guljeolpan oder Bulgogi mit frischen und geheimnisvollen Zutaten aus den tiefsten Tiefen des Gelben Meeres. Um den vollen Genuss zu entfalten, solltet ihr zur 18er Version greifen und die Originalversion mit englischem Untertitel bestellen. 蛻氈‘ 萄撮蹂

 

Flo

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